"Mindestlohn ist ein Erfolg"

Frankfurter Rundschau, 9. Mai 2006
Interview: Markus Sievers

Frankfurter Rundschau: Großbritannien lebt seit gut sechs Jahren mit Mindestlöhnen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

John Cridland: Bisher war der Mindestlohn ein großer Erfolg. Für mehr als eine Millionen Arbeitnehmer sind die Löhne deutlich angehoben worden, ohne dass dies Arbeitsplätze gekostet hätte. Auch die Wirtschaft ist nicht behindert worden. Allerdings muss ich eine Warnung aussprechen: Unsere Volkswirtschaft ist in den vergangenen Jahren kräftig gewachsen. Wir wissen nicht, wie ein Mindestlohn wirkt, wenn die Konjunktur stockt.

In Deutschland erklären die Arbeitgeber, ein Mindestlohn werde Arbeitsplätze kosten. Das muss also nicht so sein?

Nicht unbedingt. Es hängt von zwei Faktoren ab. Erstens spielt die Höhe des Mindestlohns eine Rolle. In Großbritannien haben wir den Wert zunächst vorsichtig angesetzt. Wenn der Mindestlohn höher ausgefallen wäre, hätte er sehr wohl Beschäftigung vernichten können. Zweitens gibt es spezielle Probleme für junge Leute. Für alle bis 22 Jahre haben wir einen niedrigeren Mindestlohn, um ihnen den Einstieg in das Berufsleben nicht zu verbauen.

Würden Sie einen Mindestlohn als gute Sache für eine Wirtschaft bezeichnen?

Er schadet der Wirtschaft nicht, wenn die Höhe vorsichtig festgelegt wird. Es spricht aber nicht viel dafür, dass er den Unternehmen gut tut. Er ist also für die Unternehmen weder negativ noch positiv. Einfluss hat er auf die Bezahlung der Arbeitnehmer - und zwar einen positiven.

In Großbritannien schlägt eine Kommission mit Gewerkschaftern, Arbeitgebern und Wissenschaftlern die Mindestlohnhöhe vor. Wie ist es bei so widersprüchlichen Interessen möglich, sich zu einigen?

Erst einmal bereiten wir die Entscheidung gut vor. Wir sind fast das ganze Jahr über damit beschäftigt, Arbeiter mit niedrigen Löhnen zu treffen, kleine Firmen zu besuchen und zu verstehen, was in Nordirland, Südengland oder Schottland in den Betrieben passiert. Bevor wir dann die Empfehlung an den Premierminister aussprechen, treten wir natürlich ein in das Ringen, das bei Lohnrunden üblich ist. Dann vertritt jeder seine Interessen. Aber wir haben es noch immer geschafft, einen Konsens zu finden.

Was kann Deutschland von den britischen Erfahrungen lernen?

Es gibt zwei wichtige Lehren. Erstens muss die Regierung ihre Grundsatzentscheidung treffen, bevor sie mit den Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften in Beratungen eintritt. Wenn die Regierung sich für einen gesetzlichen Mindestlohn entschieden hat, der zunächst auf kleinem Niveau anfängt, dann kann sie die Sozialpartner einschalten. Deren Aufgabe ist die Umsetzung der technischen Details. Zweitens ist es zwingend erforderlich, mit einem niedrigen Mindestlohn anzufangen. Wir haben den Mindestlohn erst später nach und nach erhöht.

Kritiker meinen, ein Mindestlohn könne leicht umgangen werden. Haben in Großbritannien wirklich die schlecht bezahlten Arbeitnehmer profitiert?

In der Tat hat in Europa jede Volkswirtschaft einen bestimmten Anteil an Arbeitnehmern, die weniger als den Mindestlohn verdienen.

Regierungen können also das untere Ende des Arbeitsmarktes nicht wirklich kontrollieren. Wir haben es hier mit Schattenwirtschaft zu tun. Die Menschen werden illegal beschäftigt. Unserer Meinung nach wird aber der Mindestlohn in Großbritannien nicht in großem Stil umgangen. Das Ausmaß ist eher klein und dürfte bei 200.000 Arbeitnehmern liegen. Allerdings wird das Urteil erschwert durch die Einwanderung. Hier ist es auch für die Kommission kaum möglich, ein klares Bild über die realen Arbeitsbedingungen zu bekommen.

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